Vor der Award-Season: 10 sehnlichst erwartete Filme

Die großen, internationalen Filmfestivals sind vorbei und die diesjährige Award-Season beginnt langsam. Es haben sich bereits einige Anwärter auf den einen oder anderen Filmpreis herauskristallisiert, jedoch ist dieses Jahr etwas anders: Es gibt bisher noch keine klaren Favoriten, kein La La Land (2016) oder Spotlight (2015). Simon stellt euch hier zehn Filme vor, die er sehnlichst erwartet, und die man die kommenden Monate im Auge behalten sollte.

Eines vorweg: Das hier ist eine persönliche Liste, sortiert aufsteigend nach meiner subjektiven Vorfreude. Für meine Liste berücksichtige ich nur Filme, die bereits einem Publikum gezeigt wurden. Wir wissen, dass Steven Spielberg mit The Post ein heißen Eisen im Feuer hat was die wichtigen Awards im Frühjahr angeht, jedoch hat noch niemand den Film gesehen. The Post mit Meryl Streep und Tom Hanks (das schreit “Oscar!”, richtig?) wird erst im Dezember veröffentlicht und lief auf keinem Festival. Zumindest theoretisch könnte der Film ein Reinfall sein. Auf dieser Liste finden sich nur Filme, die bereits von Kritikern und/oder Festivalpublikum positiv aufgenommen wurden. Außerdem unberücksichtigt bleiben Filme, die bereits in Deutschland angelaufen sind. Es geht in diesem Artikel wirklich nur um Filme, die derzeit hierzulande wenige auf dem Schirm haben, die aber mit einem Push aus den Filmfestivals kommen, Aussichten auf die eine oder andere Statue haben – und deren Release ich sehnlichst erwarte.

Darkest Hour

Auch wenn er hinten auf dieser Liste steht, freue ich mich schon sehr auf den Film, in dem wir – wenn man der einen oder anderen Kritikermeinung glaubt – die beste schauspielerische Leistung des Jahres bewundern dürfen. Variety sieht in Gary Oldman den Frontrunner für den Oscar als bester Hauptdarsteller. Der britische Schauspieler genießt hohes Ansehen, war bisher jedoch erst einmal nominiert (Tinker Tailor Soldier Spy, 2012). Sein Porträt des Winston Churchill zu Zeiten des zweiten Weltkriegs ist wie gemacht für Oscargold und interessiert mich dementsprechend besonders.

Darkest Hour lief Anfang September sowohl beim Telluride Film Festival als auch in Toronto. Regie führt Joe Wright. Auch wenn Vorbehalte gegenüber Wright seit seinem Reinfall mit Pan (2015) gerechtfertigt sind, hat er mit Pride and Prejudice (2005) und Anna Karenina (2012) zuvor bewiesen, dass er Literaturverfilmungen und Historiendramen frisch inszenieren kann. Ein aggregierter Kritikerscore von 72 bei Metacritic (9 Kritiken) und 79% bei Rotten Tomatoes (28 Kritiken) deuten an, dass Wright zu alter Form zurückgefunden hat. Nach Nolans Dunkirk ist Darkest Hour bereits der zweite Film des Jahres, der entscheidende Zeitpunkte des zweiten Weltkriegs aus britischer Perspektive beleuchtet.

BPM (Beats per Minute)

Beats per Minute, inzwischen auch unter der Abkürzung BPM bekannt, aber eigentlich 120 battements par minute, ist ein französischer Film und Frankreichs Kandidat für den sogenannten Auslandsoscar – den Oscar für den besten fremdsprachigen Film. Nach seiner Weltpremiere beim Festival de Cannes wurde BPM umjubelt und konnte insgesamt vier Preise gewinnen, darunter auch den Grand Prix, zweitwichtigster Preis des Filmfestivals.

Mich interessiert BPM vor allem wegen des Themas: Es geht um eine Gruppe HIV/AIDS-Aktivisten in den 90er Jahren. Angeblich gewährt der Film authentische, intime Einblicke in die Community zu der Zeit, sei zugleich Dokumentation und Drama. Regie führt hier Robin Campillo. Ein Kritikerscore von 84 bei Metacritics (20 Kritiken) und 98% auf dem Tomatometer (55 Kritiken) stimmen mich ein auf eine weitere queere Filmperle – und es ist nicht die Letzte auf dieser Liste.

Mudbound

Es geht um Rassismus in der Nachkriegsära, der das Leben in Mississippi prägt. Viel mehr kann ich zu Dee Rees Mudbound nicht sagen, außer dass einige meiner Lieblingskritikerinnen den Film in höchsten Tönen loben, mich “Südstaatenfilme” seit einigen Jahren besonders interessieren, und dass Carey Mulligan mitspielt. Sie ist immer ein Plus!

Seine Premiere feierte Mudbound bereits im Januar bei Sundance, wo die Vertriebsrechte von Netflix erworben wurden. Angeblich wird er im November zugänglich sein. Die Erfahrung der letzten Jahre zeigt, dass die Chancen auf Filmpreise sinken, wenn sich Streamingportale einem Film annehmen. Aber wer weiß, vielleicht kann Mudbound ja diesen Bann brechen. Ein Kritikerscore von 81 bei Metacritics (13 Kritiken) und 95% bei Rotten Tomatoes (41 Kritiken) sprechen für sich.

Three Billboards Outside Ebbing, Missouri

Hierauf freue ich mich ganz besonders! Was ist das bitte für ein genialer Titel? Three Billboards, wie ich ihn ab jetzt nennen werde, hat beim Toronto International Film Festival (TIFF) den Publikumspreis abgeräumt. Die Preisträger der letzten Jahre waren La La Land (2016), Room (2015), The Imitation Game (2014), 12 Years a Slave (2013) und Silver Linings Playbook (2012) – was für eine illustre Gesellschaft! Gemeinsam haben diese fünf Filme unter anderem, dass alle eine Oscarnominierung für den besten Film absahnen konnten. Three Billboards gewann außerdem bereits den Preis für das beste Drehbuch in Venedig, wo der Film auch seine Premiere feierte. Müssen wir noch über Kritikermeinungen sprechen? 89 bei Metacritic (15 Kritiken), 98% bei Rotten Tomatoes (46 Kritiken)!

Regisseur und Drehbuchautor Martin McDonagh (Seven Psychopaths, 2012; Oscar-nominiert für In Bruges, 2008) hat für diese schwarze Komödie ein Starensemble zusammen getrommelt. Die Hauptrolle spielt die unvergleichliche Frances McDormand (vierfach Oscar-nominiert, gewonnen für Fargo, 1997). Unterstützt wird sie von Woody Harrelson, Sam Rockwell und Peter Dinklage, auch Youngster Lucas Hedges (Oscar-nominiert für Manchester by the Sea, 2016) ist dabei. Über die Handlung wird nichts verraten. Frances McDormand, schwarze Komödie, hervorragendes Drehbuch… spürt noch jemand die Fargo-Vibes?

The Disaster Artist

Wie kann es noch besser werden? Wir fangen gerade erst an! The Disaster Artist ist ein Film für Filmfans. Seine Premiere feierte die Komödie bei South by Southwest am 12. März, sie lief aber auch bei TIFF am 11. September. Es geht um nichts anderes als die Entstehungsgeschichte des Kultfilms The Room (2003) von Tommy Wiseau. Kultfilm? Ja, unter Filmfans. The Room wird von manchen Kritikern als Citizen Kane der schlechtesten Filme aller Zeiten betitelt.

Regie führt James Franco, der auch die Hauptrolle Tommy Wiseau spielt und für seine Leistung im Gespräch für Nominierungen ist. Wie genial wäre das denn bitte? Ich hoffe, der Film ist richtig gut und auch von Menschen wertzuschätzen, die The Room nie gesehen haben. Ein Kritikerscore von 77 bei Metacritic (13 Kritiken) sowie 94% bei Rotten Tomatoes (53 Kritiken) erwecken in mir die Hoffnung, dass wie es in The Disaster Artist mit dem besten James Franco zu tun bekommen, den wir je gesehen haben, und es viel zu lachen gibt!

The Square

Vorhin habe ich geschrieben, dass BPM den zweitwichtigsten Preis in Cannes gewonnen hat. The Square räumte ganz groß ab und gewann die goldene Palme. Der schwedische Film ist heißer Kandidat im Rennen um Preise für den besten fremdsprachigen Film. Das satirische Drama von Ruben Östlund (Regie und Drehbuch) spielt in einem Schweden nach Abschaffung der Monarchie. Der Kurator eines Kunstmuseums wird völlig aus der Bahn geworfen, als ihm sein Handy gestohlen wird. Das ist eine verrückte Prämisse, aber ich bin an Bord, auch wegen meiner Affinität für Skandinavien. Je mehr ich über The Square lese, desto sicherer bin ich mir jedoch, dass der Film nicht für jede oder jeden ist.

Skurril zieht bei mir, ich bin gespannt. The Square hält derzeit einen Score von 74 auf Metacritic (23 Kritiken) und steht bei 78% auf dem Tomatometer (74 Kritiken). Go Sweden!

Battle of the Sexes

Persönlich liebe ich Emma Stone seit Easy A (Einfach zu haben, 2010), und in den letzten Jahren hat sie sich offiziell in die erste Klasse hochgearbeitet. Mit Birdman und La La Land hat sie zwei der besten Filme des Jahrzehnts auf ihrem Lebenslauf, für das Musical gewann sie dieses Jahr sogar ihren ersten Oscar. Gepaart mit Steve Carell (Oscar-nominiert für Foxcatcher, 2014), dessen schauspielerische Fähigkeiten noch immer von zu vielen unterschätzt werden, hat Battle of the Sexes meine volle Aufmerksamkeit.

Der Film basiert auf der wahren Geschichte des 1973-Tennismatches zwischen Billie Jean King, Nummer eins im Damentennis, und dem ehemaligen Champion bei den Männern, Bobby Riggs. Das Match wurde damals von 90 Millionen Menschen verfolgt und als Battle of the Sexes bekannt. Auf Metacritic steht Battle of the Sexes bei 73 (44 Kritiken), das Tomatometer zeigt 85% (192 Kritiken). Vieles erinnert mich hier an Hidden Figures (2016): Ein zugänglicher Crowdpleaser, der Frauen den Rücken stärkt und eine wichtige Geschichte erzählt.

The Shape of Water

Die folgenden drei Filme könnten für mich alle ganz oben auf meiner Liste stehen. Wenn man mich morgen fragt, habe ich mich vielleicht schon wieder umentschieden. Aus dem Bauch heraus stelle ich nun zunächst kurz The Shape of Water vor, ein romantischer Fantasy-Film von Visionär Guillermo del Toro.

Im Zentrum geht es um die Beziehung zwischen einer Wasserkreatur und einer jungen Frau, gespielt von der wunderbaren Sally Hawkins. Seit ich Hawkins in Blue Jasmine (2013) gesehen habe, habe ich riesigen Respekt vor ihr. Nur wenige Schauspielerinnen und Schauspieler schaffen es, in einem Film herauszustechen, für den Cate Blanchett einen Oscar gewinnt. Hawkins taucht vollständig in ihre Rollen ein, weshalb ich so gespannt bin, wie tief sie mich in eine düstere Fantasiewelt hineinziehen kann. Ich liebe Fantasy und hoffe auf einen inspirierenden, berührenden Film im einzigartigen Stil Guillermo del Toros. Neben Hawkins freue ich mich auf Octavia Spencer und Michael Shannon in weiteren Rollen.

Seine Premiere hatte The Shape of Water in Venedig, wo der Film den goldenen Löwen gewinnen konnte. Er hat einen sehr guten Kritikerscore von 87 auf Metacritic (18 Kritiken) und 97% auf Rotten Tomatoes (64 Kritiken).

Call Me By Your Name

Call Me By Your Name basiert auf einem Roman von André Aciman. Wir befinden uns im Italien der 1980er Jahren. Student Oliver besucht seinen Professor über den Sommer und trifft dabei dessen Sohn, den siebzehnjährigen Elio. Zwischen Elio und Oliver entwickelt sich eine bittersüße Sommerromanze…

Diesen Coming-of-Age Film kann ich nicht früh genug sehen! Der Trailer hat mich verzaubert. Timothée Chalamet spielt Elio in einer “Star-Making Performance”, und auch Armie Hammer als Oliver und Michael Stuhlbarg als Elios Vater dürfen sich wohl auf die eine oder andere Nominierung freuen. Call Me By Your Name hatte seine Premiere schon beim Sundance Film Festival im Januar, ist aber seitdem viel gereist und war unter anderem zweiter Runner-up des TIFF Publikumspreises. Momentan steht der Film von Regisseur Luca Guadagnino bei einem unglaublich guten Kritikerscore von 95 auf Metacritic (16 Kritiken) und 98% auf Rotten Tomatoes (81 Kritiken).

Ich freue mich besonders darüber, dass Armie Hammer endlich die Möglichkeit hat, sein Können in einem Kritikerliebling unter Beweis zu stellen. Ich hoffe, Call Me By Your Name wird meinen hohen Erwartungen gerecht wird. Ich wünsche mir eine vorurteilsfreie Sommerromanze zwischen zwei Menschen, die eben zufällig das gleiche Geschlecht haben.

The Florida Project

Am sehnlichsten erwarte ich das Drama The Florida Project von Sean Baker. Sean Baker hat mich mit Tangerine (2015) überzeugt, ein kleiner Film, den ich uneingeschränkt weiterempfehle. Baker schrieb das Drehbuch zu The Florida Project mit Chris Bergoch, der auch an Tangerine mitgearbeitet hat. Ihre neue Kollaboration feierte Weltpremiere in Cannes am 22. Mai und lief in den amerikanischen Kinos im Oktober an.

Baker arbeitet erneut mit einem Cast aus Newcomern, ergänzt durch den grandiosen Willem Dafoe. Dafoes Charakter ist Manager einer Motelanlage, die zu einem Auffangbecken für soziale Absteiger geworden ist, so auch für Halley (Bria Vinaite) mit ihrer jungen Tochter Moonee. Im Schatten von Disney World erschaffen sich Moonee (Brooklynn Prince) und ihre Freunde ihre eigene Traumwelt.

The Florida Project muss sei purer Humanismus, herzzerreißend schön – und zum heulen. Sean Baker ist ein unkonventioneller Filmemacher, der Menschen mit einfachsten Mitteln berührt. Ein Kritikerscore von 92 auf Metacritic (41 Kritiken) sowie 96% auf dem Tomatometer (142 Kritiken) sprechen für sich.

Das ist meine persönliche Liste sehnlichst erwarteter Filme abseits des Blockbusterkinos. Ich freue mich riesig auf den Rest von 2017, beziehungsweise den Beginn von 2018, wenn die meisten der hier aufgeführten Filme endlich in deutschen Kinos laufen. Von welchen der zehn Filme hast Du schon gehört, welche schreibst du nun auf deine eigene Liste, und welche hätte ich ergänzen müssen?

Simon

Redakteur Moviefalcon.de, Film-, Kino-, Oscarenthusiast! Wenn nicht gerade unterwegs in einer weit entfernten Galaxis, dann sicherlich mit Mad Max auf der Fury Road oder zu Besuch im Grand Budapest Hotel.

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