Vor der Award-Season: ein Blick auf die vier Schauspiel-Kategorien

Das Jahr 2018 neigt sich dem Ende entgegen und die Awardseason wartet auf den Startschuss. Nachdem ich bereits einen ersten Blick auf potentielle Anwärter auf den Oscar für den besten Film geworfen habe, schaue ich mir dieses Mal gemeinsam mit Dir das Feld der Schauspieler*innen an, die sich Hoffnungen auf einen Goldjungen in einer der vier Schauspielkategorien machen.

Die allerersten Academy Awards/Oscars wurden 1929 verliehen. Seither gibt es die Kategorien “Bester Hauptdarsteller” und “Beste Hauptdarstellerin”; sie hießen zu jenem Zeitpunkt allerdings nur “Best Actor” und “Best Actress”. Damals wurden Filme der Jahre 1927 und 1928 geehrt und Emil Jannings und Janet Gaynor gewannen das erste Gold für Schauspielerei. Einige Jahre später, nämlich bei der neunten Preisverleihung in 1937, wurden die Kategorien “Beste Nebendarstellerin” und “Bester Nebendarsteller” eingeführt. Die ersten Siege gingen an Walter Brennan und Gale Sondergaard.

Brennan konnte die Kategorie sogar drei Mal gewinnen und gehört damit zu dem erlesenen Club an Schauspieler*innen, die insgesamt drei oder mehr Oscars in den Schauspielkategorien gewinnen konnten. Ingrid Bergman, Jack Nicholson, Meryl Streep und Daniel Day-Lewis gewannen ebenfalls jeweils drei Oscars für Schauspielerei, Katherine Hepburn sogar vier, alle als beste Hauptdarstellerin. Meryl Streep wurde am häufigsten nominiert, nämlich 21 Mal, zuletzt für Die Verlegerin (The Post, 2017).

Im vergangenen Jahr haben dieselben vier Schauspieler*innen alles gewonnen, was es an großen Filmpreisen zu gewinnen gibt: Gary Oldman (Darkest Hour), Frances McDormand (Three Billboards Outside Ebbing, Missouri), Allison Janney (I, Tonya) und Sam Rockwell (ebenfalls Three Billboards) reckten BAFTA, Golden Globe, SAG Award und letztendlich natürlich auch den Oscar in die Höhe.

In diesem Jahr ersehnen wir uns etwas mehr Abwechslung im Filmpreiszirkus und entsprechend mehr Spannung in der Oscarnacht Ende Februar. Wer macht sich Hoffnungen auf eine Nominierung und den Sieg in den vier Kategorien? Meine Vorhersagen und Einschätzungen beruhen auf Filmkritiken, Reaktionen von Filmfestivals, Artikeln und Reaktionen im Netz von Expert*innen zur Award-Season, Awardprognosewebseiten wie goldderby.com sowie meinen Erfahrungen mit den Oscar-Rennen der vergangenen Jahre. Beginnen wir mit dem …

Oscar für den besten Hauptdarsteller

Die Kategorie verspricht ein spannenderes Rennen als in den vergangenen Jahren mit vielen würdigen Kandidaten. Bradley Cooper wurde bereits drei Mal als Schauspieler nominiert, mit A Star Is Born sollte es ein viertes Mal klappen. Das Film ist sein Baby: Er hat auch Regie geführt, das Drehbuch und einige der Songs mitgeschrieben, und Produzent ist Cooper natürlich auch. Es könnte für ihn also Nominierungen regnen (wobei seine Songs nicht von Warner Bros. ausgewählt wurden, um sie in der Oscar-Kampagne zu bewerben).

In Vice spielt Christian Bale (Oscar für The Fighter, 2010) Ex-Vizepräsident Dick Cheney und sieht im Trailer unglaublich aus. Bale ist ein Meister der Transformation, der seinem Körper keine Strapazen erspart, wie er in The Machinist (2004), Christopher Nolans Batman-Filmen (2005-2012) und American Hustle (2013) bewiesen hat. Der Film wird erst Ende des Jahres veröffentlicht, Bale steht trotzdem weit oben auf den meisten Listen, so auch auf meiner. Die ersten Reaktionen auf den Film im Netz sind sehr positiv.

Auch Viggo Mortensen wurde schon zwei Mal nominiert. Green Book hat den einflussreichen Publikumspreis in Toronto gewonnen und erhielt hervorragende Kritiken. Im Zentrum des Crowdpleasers stehen die zwei Darsteller, Mortensen und Ali (zu ihm mehr, wenn es um den besten Nebendarsteller geht), weshalb ich den beiden zutraue, es Frances McDormand und Sam Rockwell (Three Billboards Outside Ebbing, Missouri, 2017) gleich zu tun und zwei Trophäen einzusacken. Allerdings hat sich Mortensen bereits einen Fauxpas geleistet, als er in einem Q&A das N-Wort benutzte und sich im Nachgang bei Ali entschuldigen musste.

Rami Maleks Bohemian Rhapsody ist ebenfalls ein Publikumsliebling, wurde in den Kritiken jedoch sehr gemischt aufgenommen. Das hat aber wohl mehr mit Drehbuch und Regie als mit Maleks Performance zu tun, die durch die Bank gelobt wird, was eine Nominierung möglich macht.

Viele setzen außerdem auf Ryan Gosling, der Neil Armstrong in Damien Chazelles neuem Film First Man (Aufbruch zum Mond) spielt. Ich tippe schweren Herzens gegen ihn, denn First Man hat an den Kinokassen enttäuscht und Goslings Darstellung ist zurückhaltend, was Armstrongs Persona zwar nahe kommt, aber im starken Feld in diesem Jahr ein Nachteil sein kann. Stattdessen setze ich auf Ethan Hawke in First Reformed, der allerdings ordentlich Unterstützung aus den Kritikergilden braucht, um die Nominierung gegen Gosling zu holen. Die Independent Spirit Awards meinten es gut mit Hawke, haben ihn bereits nominiert und mich in meinem Gefühl bestärkt, dass er es schaffen kann.

Willem Dafoe (At Eternity’s Gate) ist ebenfalls noch im Rennen und könnte mit Hawke um die Gunst der Kritikergilden kämpfen. Ihm fehlt allerdings schon jetzt früh in der Season die Nominierung für den Independent Spirit Award. Außerdem sollte man Robert Redford (The Old Man & the Gun) nicht unterschätzen, der sich angeblich aus dem Schauspielgeschäft zurückzieht und bis dato nie als Schauspieler ausgezeichnet wurde. Steve Carell (Beautiful Boy), Lucas Hedges (Boy Erased) und John David Washington (BlacKkKlansman) haben ebenfalls noch Chancen.

Meine Liste Mitte November für die Kategorie “Bester Hauptdarsteller”:

  • Bradley Cooper für “A Star Is Born”
  • Christian Bale für “Vice”
  • Viggo Mortensen für “Green Book”
  • Rami Malek für “Bohemian Rhapsody”
  • Ethan Hawke für “First Reformed”

Oscar für die beste Hauptdarstellerin

Lady Gaga wird in dieser Saison häufig mit Cher verglichen, die für Moonstruck (1988) einen Oscar als Schauspielerin gewinnen konnte. Allerdings war Cher zuvor bereits einmal nominiert (für Silkwood, 1984), Lady Gaga bloß für den besten Song. Ihr Sound of Music-Tribut 2015 könnte sich nun als geschickter Schachzug erweisen: Standing Ovations und großartige Kritiken sollten die letzten Zweifel der Academy ausgeräumt haben, und in einem Jahr, in dem die Oscars um Popularität kämpfen, kommt der Weltstar genau richtig. Unabhängig von alledem ist Gaga hervorragend in A Star Is Born und wird mindestens den Golden Globe gewinnen, was ihr Auftrieb für den Rest der Award Season geben sollte und sie bis zum Oscar tragen könnte.

Gaga könnte außerdem indirekt davon profitieren, dass Olivia Colman (The Favourite) als Hauptdarstellerin und nicht als Nebendarstellerin beworben wird. Das klingt zwar kontraintuitiv, aber Colman wird vermutlich stark mit den Kritikergilden fahren und so Glenn Close etwas ausbremsen. Colman könnte den BAFTA gewinnen, was das Rennen umso interessanter machen würde.

Glenn Close wurde schon für sechs Oscars nominiert – und hat ebenso oft verloren. Sie auszuzeichnen könnte einem Lifetime Achievement Award gleichkommen. Es wäre nicht das erste Mal, dass das passiert. Außerdem hat auch sie für The Wife sehr gute Kritiken im Rücken. Wenn sie jedoch weder SAG noch BAFTA gewinnt, dann wird sie bei den Oscars keine Chance haben.

Momentan sieht es so aus, als würden Gaga, Colman und Close das Rennen unter sich ausmachen. Eine sichere Nominierung sehe ich für Melissa McCarthy, die mit Can You Ever Forgive Me? überrascht und wohl ihre beste Karriereperformance zeigt, wenn man den Kritiken glauben darf. Mein fünfter Platz geht an Yalitza Aparicio für Alfonso Curaóns Meisterwerk Roma, ein Platz, den die erstmalige Schauspielerin jedoch aufgrund ihrer Unbekanntheit leicht verlieren könnte.

Nicht abschreiben sollte man Toni Collette, die in Hereditary, einem Horrorfilm, ihre beste Karriereleistung abliefert und eine andere, alternativere Zielgruppe innerhalb der Academy ansprechen könnte. (Die Frage ist, ob diese Zielgruppe groß genug ist, oder ob sie sich nicht bereits in Colmans Lager eingefunden hat.) Nicole Kidman könnte für Destroyer nominiert werden, Viola Davis für Widows, einem kommerzielleren Film von Steve McQueen. Die zwei Marys Emily Blunt (Mary Poppins’ Rückkehr) und Saoirse Ronan (Mary, Queen of Scots) sind bisher unbekannte Variablen.

Meine Liste Mitte November für die Kategorie “Beste Hauptdarstellerin”:

  • Lady Gaga für “A Star Is Born”
  • Olivia Colman für “The Favourite”
  • Glenn Close für “The Wife”
  • Melissa McCarthy für “Can You Ever Forgive Me?”
  • Yalitza Aparicio für “Roma”

Oscar für die beste Nebendarstellerin

Apropos Nicole Kidman: Bessere Chancen auf eine Nominierung hat sie meiner Einschätzung nach in der Kategorie “Beste Nebendarstellerin” als Lucas Hedges Mutter in Boy Erased. Mit einer Auszeichnung und drei Nominierungen, zuletzt für Lion (2016), ist sie ein Academy-Darling. In Boy Erased hat sie die emotionalen Szenen, die man für eine Nominierung als Nebendarsteller*in braucht.

Claire Foy hatte ich lange Zeit ganz oben auf meiner Liste. Sie spielt Neil Armstrongs Frau in First Man und erdet ihren Mann und den ganzen Film. Leider bekommt auch sie zu spüren, dass First Man unter der Publikumsrezeption gelitten hat und es seit der Veröffentlichung in den USA sehr viel leiser um den Film geworden ist. Eine Nominierung ist zum jetzigen Zeitpunkt trotzdem noch wahrscheinlich. Bis Januar kann aber viel passieren…

Amy Adams zum Beispiel. Auch sie ist wie Glenn Close mit fünf Nominierungen ohne Sieg eine der großen Oscar-Verliererinnen der Geschichte. Sie hat eine weitere Rechnung mit der Academy offen: Für ihre großartige Performance in Arrival (2016) wurde sie nicht nominiert, eine der großen Überraschungen der vergangenen Jahre – und keine positive! In Vice spielt sie Dick Cheneys Frau, Lynne Cheney. Es ist unklar, wie groß ihre Rolle im Film ist. Ebenso fraglich ist, ob die Academy sie wirklich für diese Rolle auszeichnen wollen würde.

Die besten Chancen auf eine Nominierung und den Sieg hat meiner Einschätzung nach momentan Regina King. Die dreimalige Emmy-Preisträgerin kann mit Allison Janney verglichen werden, die vor ihrer Rolle in I, Tonya hauptsächlich im Fernsehen Erfolg hatte. Sie rockte die Award-Season im vergangenen Jahr auch deshalb, weil sie sehr gut in der Industrie vernetzt ist. Kings Erfolg im Fernsehen ist unumstritten. Für If Beale Street Could Talk könnte King die zweite Darstellerin nach Mahershala Ali werden, die von Regisseur Barry Jenkins zu einem Oscar geführt wird.

Der fünfte Spot geht an Rachel Weisz (Oscar für Der ewige Gärtner, 2006), die gemeinsam mit Emma Stone in The Favourite um Olivia Colmans Gunst kämpft. Ich gehe nur mit Weisz, weil Stone vor zwei Jahren für La La Land gewonnen hat und ich nicht sicher bin, ob die Academy direkt erneut mit ihr gehen möchte, wenn Weisz eine ebenso mitreißende Performance abliefert. Die zwei Schauspielerinnen könnten sich allerdings auch gegenseitig ausstechen, wenn sie die Stimmen zwischen sich aufteilen. Vielleicht haben so Margot Robbie (Mary, Queen of Scots) oder Elizabeth Debicki (Widows) Chancen. Wenn The Favourite jedoch weiter an Momentum gewinnt, dann könnten es vielleicht auch Stone und Weisz schaffen und Kidman, Foy oder Adams verdrängen.

Meine Liste Mitte November für die Kategorie “Beste Nebendarstellerin”:

  • Regina King für “If Beale Street Could Talk”
  • Amy Adams für “Vice”
  • Claire Foy für “First Man”
  • Nicole Kidman für “Boy Erased”
  • Rachel Weisz für “The Favourite”

Oscar für den besten Nebendarsteller

Ein etwas eindeutigeres Bild haben wir in dieser vierten Kategorie, zumindest zu diesem Zeitpunkt – denn wer weiß, was noch passiert. Momentan sieht es so aus, als würde sich Mahershala Ali ein Rennen mit Timothée Chalamet liefern. Ali zeigt seine Vielseitigkeit in Green Book und könnte wie zuletzt Christoph Waltz nach seiner zweiten Nominierung das zweite Gold erhalten. Er gewann für Moonlight (2016). Chalamet zeigt in Beautiful Boy ebenfalls eine völlig andere Seite von sich selbst als in Call Me By Your Name (2017). Im Gegensatz zu Alis Green Book ist Chalamets neuer Film zwar in Ordnung, aber nicht herausragend rezensiert, weshalb ich Ali den Vorzug gebe.

Sam Elliott ist großartig in A Star Is Born, seine Rolle aber sehr klein. Richard E. Grant wird neben Melissa McCarthy für seine Leistung in Can You Ever Forgive Me? gelobt. Es bleibt ein Spot für Sam Rockwell, der im ersten Vice-Trailer als George W. Bush überzeugt. Auch hier ist wie bei Adams und Bale Abwarten angesagt, wie gut der Film wirklich ist.

Weitere Chancen räume ich Adam Driver für seine wunderbare Rolle in BlacKkKlansman und Russel Crowe für seine emotionale Rückkehr zu alter Form in Boy Erased ein.

Meine Liste Mitte November für die Kategorie “Bester Nebendarsteller”:

  • Mahershala Ali für “Green Book”
  • Timothée Chalamet für “Beautiful Boy”
  • Sam Elliott für “A Star Is Born”
  • Richard E. Grant für “Can You Ever Forgive Me?”
  • Sam Rockwell für “Vice”

Soviel dazu. Die Award-Season beginnt gerade und wird das Feld weiter formen. Ich hoffe, diese Zusammenstellung hat Dir gefallen und Dich für die nächsten Monate vorbereitet!

 

Simon

Redakteur Moviefalcon.de, Film-, Kino-, Oscarenthusiast! Wenn nicht gerade unterwegs in einer weit entfernten Galaxis, dann sicherlich mit Mad Max auf der Fury Road oder zu Besuch im Grand Budapest Hotel.

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