Simon schaut “Sicario” (2015)

Ein Krimi-Thriller in der Hitze des Drogenkriegs an der amerikanisch-mexikanischen Grenze mit einer hervorragenden Emily Blunt in der Hauptrolle, visuell vereinnahmend, atmosphärisch dicht.

Simons Highlights

  • das Trio Blunt, del Toro und Brolin
  • die Kamera von Deakins
  • der Score von Jóhann Jóhannsson

Worum es geht

Kate Macer (Emily Blunt), eine gewissenhafte FBI SWAT-Agentin, entdeckt mit ihrem Team bei einem Einsatz in Arizona nahe der mexikanischen Grenze die verwesenden Überreste dutzender Menschen, Opfer des Drogenkriegs. Doch das Gebäude hält noch andere unschöne Überraschungen bereit. Die Ereignisse sind Zündstoff für Kates Gerechtigkeitssinn: Sie schließt sich einer CIA Spezialeinheit unter Matt Graver (Josh Brolin) an und lernt den undurchschaubaren Alejandro Gillick (Benicio del Toro) kennen. Kolumbianer Gillick, enger Berater Gravers, weckt Macers Misstrauen. Der Drogenkrieg beschäftigt sie, doch schon bald laufen einige Dinge ihrem Gerechtigkeitssinn zuwider.

Simons Kritik

Wir werden in die Geschichte hineingeworfen. Schnell befinden wir uns mit Kate Macer in einem kleinen Einfamilienhaus und müssen Schüssen ausweichen. Erstes Blut fließt, doch das Ungeheuerliche wartet hinter den Wänden auf uns. Ich muss wegsehen, denn Roger Deakins verschont uns nicht mit Nahaufnahmen der Opfer, durchsichtige Plastiktüten über den Köpfen. Drehbuchautor Taylor Sheridan nutzt ein (vielleicht auch euch) aus Alpträumen bekanntes Angstmotiv: Regungslosigkeit, Kontrollverlust. Die Leichen sind versteckt hinter Wänden. Die Atmosphäre ist authentisch und dicht. Deakins fängt die Schwüle und den Gestank im Haus ein. Gerade erreichen wir den Punkt, an dem ich sage, es ist zu viel, da kommt der Schnitt: Macer steht unter der Dusche, Blut fließt von ihrem Gesicht.

Ich hatte nach der Einführung kurz das Gefühl, dass der Film ein wenig die Spannung verliert. Aber das musste er, um während der Reise nach Mexiko wieder an Fahrt zulegen zu können. Schon wenige Minuten später sitzen wir voller Anspannung mit Kate im Auto. Unsere Aufmerksamkeit wird erneut auf die Probe gestellt…

Es gibt zwei Seiten von Gerechtigkeit, eine helle und eine dunkle Seite. Beide werden von dem bereits erwähnten Roger Deakins in meisterhafter Art und Weise eingefangen. Der Höhepunkt des Schattenspiels ist der Abstieg in den Tunnel. Ein weiteres Highlight sind die Parallelen in den Nahaufnahmen von Blunt alias Kate Macer. Vergleicht zum Beispiel die Symmetrie in Dusch- und Wohnzimmerszene (ihr werdet wissen, was ich meine). Beide fangen Macer in ihren verletzlichsten Momenten ein. Deakins unterstützt die Schauspieler durch seine Kameraarbeit. Es gelingt ihm, die Standpunkte der Charaktere zu unterstreichen. In meinem Gedächtnis hängen geblieben ist zum Beispiel das Bild einer frühen Auseinandersetzung zwischen Blunt und Brolin auf dem Stützpunkt. In einer Einstellung ist die Protagonistin die Verlängerung der amerikanischen Flagge im Hintergrund.

Neben der Kamera ist es die Musik, die den „Ton“ punktgenau trifft. Jóhann Jóhannsson zählt seit seinem oscarnominierten Soundtrack zur Entdeckung der Unendlichkeit (2014) im letzten Jahr zu den spannendsten Komponisten in Hollywood. Sein Beitrag in Sicario ist abwechselnd melancholisch traurig und gruselig spannend.

Vielleicht habt ihr schon andere Kritiken zu Sicario gelesen, in vielen werden die Darsteller gelobt. Del Toro und Blunt werden Chancen auf Oscarnominierungen eingeräumt. Alle Charaktere neben den zwei bereits genannten und Josh Brolins Graver haben wenig Platz, um sich zu entfalten. Macers Kollege und engster Freund Reggie Wayne (Daniel Kaluuya) erhält ein wenig Aufmerksamkeit, seine Rolle bleibt aber unbedeutend. Die Schlussszene lässt die Zuschauer nachdenklich zurück. Sie bringt Blunts Charakterentwicklung zum Höhepunkt. In einer Pressekonferenz während der Internationalen Filmfestspiele von Cannes werden Blunt und del Toro auf die emotionale Kraft der letzten Szene angesprochen. Blunt erzählt, dass sie sich vom Drehbuch entfernte, als die zwei Schauspieler mit Regisseur Denis Villeneuve zusammensaßen und die Szene durchgingen. Villeneuve ergänzte, es sei ein wunderbarer Moment der Erschaffens, ein gemeinsamer Prozess gewesen.

Man soll ja immer vorsichtig mit Superlativen sein, aber für mich war Sicario ein perfekter Thriller. Erwartet Action, aber nicht zu viel. Es wird nicht grausamer als in der ersten Viertelstunde. Man darf nicht vergessen, dass es sich bei Sicario um einen verhältnismäßig kleinen Film handelt, sein Budget betrug „nur“ geschätzte $30 Millionen. Die waren gut investiert: Sicario steckt den fast doppelt so teuren Black Mass mit Johnny Depp ($53 Millionen) locker in die Tasche! Freut euch auf hochklassige Schauspielleistungen und eine sehr realistische Auslegung des Drogenkriegs in starken Bildern. Der Film wurde für die große Leinwand gemacht, aber ich kann es nicht abwarten ihn auf meinem Fernseher daheim ein weiteres Mal zu sehen, sobald er auf Blu-ray erschienen ist.

6 von 7 Falken

Simon

Redakteur Moviefalcon.de, Film-, Kino-, Oscarenthusiast! Wenn nicht gerade unterwegs in einer weit entfernten Galaxis, dann sicherlich mit Mad Max auf der Fury Road oder zu Besuch im Grand Budapest Hotel.

3 Gedanken zu „Simon schaut “Sicario” (2015)“

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